Rückblick auf das 16. Jahrestreffen der PAAD in Berlin


Zum 16. Mal seit der Gründung der Pädiatrischen Arbeitsgemeinschaft AIDS haben sich Mitglieder und Teilnehmer zur jährlichen Versammlung, diesmal in Berlin getroffen. Ausgerichtet und Organisiert wurde die Veranstaltung von Frau Dr. Cornelia Feiterna-Sperling aus der Charite Berlin.

Schwerpunkte der Jahrestagung waren wie üblich die neuesten Updates bezüglich der HIV-Therapie zu hören und Problemfälle in der klinischen Praxis vor einem Expertenteam zu erörtern. Als Verein galt es natürlich die notwendigen Abstimmungen zu treffen und sich neuen Beschlüssen und Aufgaben zu widmen.

Zentrales Thema bildete auch die Mitarbeit der PAAD in Studien. Die Arbeitsgemeinschaft hat sich mittlerweile als Referenz beim Thema Postexpositionsprophylaxe und Behandlung der kindlichen HIV-Infektion etabliert und die klinische Arbeit der motivierten und engagierten HIV-Spezialisten trägt deutlich Früchte. Wer Kinder in laufende oder geplante HIV-Studien einbeziehen will, sei es auf nationaler Ebene oder im europäischen Verbund, kommt an der PAAD mittlerweile nicht mehr vorbei. Als koordinierte Arbeitsgruppe liefert sie fast ausschließlich alle Daten für HIV-Studien bei Kindern, sei es beispielsweise für die europäisch ausgerichtete MITOC-Studie oder die Daten für das Kompetenznetz HIV in Deutschland. Dem erklärten Ziel auch für Kinder Behandlungsempfehlungen auf der Grundlage aussagekräftiger Studien zu ermöglichen ist die PAAD damit nicht nur einem Schritt, sondern vielmehr einen gewaltigen Sprung näher gekommen.

Ohne den Blick auf die noch laufenden Aufgaben zu verlieren schaut die PAAD über den Tellerrand und bietet sich für die Zusammenarbeit bei der Bekämpfung der HIV-Infektion auf internationaler Ebene an. Möglichkeiten der Mitarbeit und Kooperation auf dem internationalen Sektor werden bei der diesjährigen Tagung vorgestellt (Koch-Metschnikow-Forum, ESTHER-Programm). Das Themengebiet HIV-Tuberkulose-Koinfektion findet breiten Diskussionsraum in der Jahrestagung. Wie groß die Aufgaben in anderen Ländern sind, nicht nur in Afrika, sondern durchaus noch in Europa zeigte eindrücklich die Expertise von Prof. Dr. O Shamshewa aus Moskau.

Beiträge über HIV/AIDS-Entwicklungshilfe-Projekte zeigen die enorme Diskrepanz zwischen möglicher Hilfe und letztlich dem was engagierte Helfer vor Ort letztlich erreichen können. Nicht immer sind es nur logistische oder finanzielle Probleme welche die Behandlung HIV-infizierter Kinder in Erst- und Zweitwelt-Ländern erschweren. Enorme Hürden müssen auch durch die Lebensanschauung und -umstände der dort lebenden Menschen überwunden werden und ein riesiges Problem bleibt nach wie vor die Stigmatisierung HIV-Infizierter in vielen afrikanischen Ländern, die zum Teil auch einfach eine unzureichende Bereitschaft der örtlichen staatlichen Organisationen beinhaltet das Problem offen zu diskutieren und anzugehen. Wenn gleich nicht erwartet werden kann (und darf!), dass die Menschen in ihrer Heimat ihre traditionelle Lebensweise aufgeben und sich rasch an eine modernistisch orientierte Lebensanschauung adaptieren, muss es dennoch ein primäre Zielsetzung die HIV-Infektion bleiben die infizierten Menschen ohne negative Konsequenzen für jeden Einzelnen aus der Anonymität zu holen, sie einer kontinuierlichen medizinischen Versorgung zuzuführen und die Behörden bis hin in die Regierungsebene für die Problematik zu sensibilisieren. Jeder Behandler/Helfer muss sich daher, egal in welchem Land er auf der Basis entwicklungshilflicher Aktionen tätig wird, mit den Gepflogenheiten der Bevölkerung, deren aktuellen Problemen, religiösen und weltanschaulichen Normen und Gesetzen und der Einbindung des Einzelnen in den gesellschaftlichen Kontext auseinandersetzen und nur in diesem Konsens kann er letztlich erfolgreich Tätig werden. Ein mögliches Engagement der PAAD außerhalb der nationalen Grenze kann daher nur unter der Schirmherrschaft und Kooperation der staatlichen Organisationen und der vor Ort etablierten medizinischer und sozialer Hilfsorganisationen erfolgen.

Top

17.04.2009


Frau Dr. C. Feiterna-Sperling (Charite Berlin) eröffnete die Jahrestagung und gab nochmals einen Überblick über die bevorstehenden Themen. Sie dankte den Zuhörern für ihr Erscheinen und auch den Sponsoren, ohne die diese Jahrestagung in diesem Rahmen nicht möglich geworden wäre. Die Tagung ist von der Berliner Ärztekammer mit 12 Fortbildungspunkten versehen.


Prof. Dr. U. Wintergerst (Braunau) informierte über die PENTA 11 Studie, in der es vorwiegend darum geht festzustellen, in wie weit sich geplante AR-Therapeiunterbrechungen nachteilig auf den Immunstatus auswirken und wie sich die virologische und klinische Situation beim Kind entwickelt. Die PENTA 15 Studie befasst sich dagegen mit der Frage ob die täglich einmalige Gabe von Abacavir in Kombination mit Lamivudin bei Kindern von 3 bis 36 Monaten gleichfalls den gleichen Effekt zeigt wie bei älteren Kinder und Erwachsenen. Bei Letzteren zeigte die einmalige Gabe von Abacavir und Lamivudin einen gleichsam zuverlässigen Therapiespiegel wie die zweimalige Gabe und je weniger häufig die Medikamente eingenommen werden müssen, desto höher wird die Therapietreue beim Patient.


Dr. Feiterna-Sperling informierte im Anschluss über bevorstehende Studien an denen sich die PAAD-Zentren rege beteiligen sollten. Eine Studie befasst sich mit der Evaluation der Plasmaspiegel antiretroviraler Medikamente und des viralen Resistenzprofils, sowie deren Auswirkung auf den Therapieerfolg bei HIV-infizierten Kindern und wird von der HECTOR-Stiftung finanziert. Lokalisiert ist die Studie an der Immundefektambulanz des Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt. Leiter der Studie ist Dr. C. Königs. Für involvierte Patienten und Ärzte aus externen Kliniken besteht die Möglichkeit einer Aufwandsentschädigung. Ebenfalls eine Multizenterstudie die TMC125-C213 Studie (Phase II Studie). Die Studie untersucht die Wirkung von TMC125, ein NNRTI-Analogon, auf die Virussupression bei einer HIV-Infektion. Die Studie wird durch die Pharmafirma Tibotec ausgerichtet und auch hier erhalten Patienten und Ärzte ihre Aufwendungen in vollem Umstand erstattet. Ansprechpartner für diese Studie ist gleichfalls Dr. C. Königs in Frankfurt.


Dr. C. Königs (Frankfurt) brachte die Teilnehmer über das Kindermodul im KompNetHIV auf den aktuellen Stand. Die Verträge mit den Studienpartnern und Sponsoren sind abgeschlossen und die in der letzten Jahrestagung noch sehnlichst gewünschte Dokumentationskraft ist endlich da und hat seit einiger Zeit ihre Arbeit aufgenommen. Es zeigt sich rückblickend, dass die Ärzte in den Ambulanzen studienrelevante Daten vorbildlich erhoben haben, lediglich die Erfassung in die entsprechenden Protokolle des KompNet sind liegen geblieben. Die Dokumentationskraft hat hier enorme Aufholarbeit geleistet und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Herr Königs bittet die Mitglieder ausdrücklich von der Mithilfe der Dokumentationskraft regen Gebrauch zu machen. Der Erfolg der PAAD im Zuführen von Patienten in Studien zeigt sich unter anderem darin, dass im europäischen Kohortentreffen sehr großes Interesse an der Zusammenarbeit mit der BRD gezeigt wird, denn ein erheblicher Anteil der Daten kommen aus der Bundesrepublik. Her König informierte des Weiteren nochmals genauer über die durch die HECTOR-Stiftung finanzierte Studie und betonte nochmals, dass Patienten die sich an der Studie beteiligen und beispielsweise extra für die notwendigen Screening-Untersuchungen nach Frankfurt anreisen eine angemessene Aufwandsentschädigung erhalten. Gleichfalls wird auch die studienrelevante Mehrarbeit des Arztes honoriert.


Dr. G. Notheis (München) gab im Anschluss eine Übersicht über die CROI 2009. Thematisiert wurde unter anderem die Frage "Wann mit einer ART beginnen". Ein gesicherter Nutzen einer ART liegt vor, wenn die ART vor dem Auftreten einer AIDS-Symptomatik, oder einem CD4-Count < 350 bei CDC-A-Stadium eingesetzt wird. Weiter zeigt sich, dass ein Wechsel von Lopinavir/r auf Raltegravir bei Patienten mit einer Viruslast unter der Nachweisgrenze in der randomisierten SWITCHMRK-Studie häufiger zum virologischen Versagen geführt hat, als die Fortführung des ursprünglichen Regimes. Auch Interleukin-2 als zusätzlicher Benefiz zu einer HAART wurde diskutiert. In den Studien ESPRIT und SILCAAT führte IL-2 wie erwartet zwar zu einem stärkeren Anstieg der CD4-Zellen als die HAART allein, doch konnte kein signifikanter klinischer Nutzen daraus gezogen werden. Die Mortalität und AIDS-definierende Ereignisse waren in beiden Gruppen vergleichbar.

Top


Dr. A. Gingelmaier (München) referierte die neuesten Ergebnisse zur Frage vaginale Entbindung oder Schnittentbindung bei HIV-positiven Schwangeren. Größter Einflussfaktor für eine negative HIV-Transmission auf das Ungeborene bzw. Neugeborene scheint nach der derzeitigen Datenlage die Viruslast der Schwangeren zu sein. Der Entbindungsmodus selbst spielt bei einer Viruslast unter der Nachweisgrenze offensichtlich eine geringe Rolle. Die elektive Sectio caesarae stellt zwar nach wie vor der sicherste Weg zur Vermeidung der vertikalen HIV-Transmission dar, insbesondere unter dem Gesichtspunkt, dass auch bei einer Serum-Viruslast unter der Nachweisgrenze im Vaginalsekret noch eine 10-25% höhere Viruslast zu erwarten ist, dennoch müssen auch die unerwünschten Wirkungen einer Sectio sorgfältig abgewogen werden. Kritisch auch die Frage wann und wie oft soll bei einem evident wichtigen Entscheidungsmarker wie die Viruslast auf diese Untersuchung zurückgegriffen werden sollte. Die vaginale Entbindung kann empfohlen werden, wenn die Viruslast im Blut während Schwangerschaft (insbesondere vor Geburt) unter Nachweisgrenze liegt und keine geburtshilflichen Risiken oder vaginale Infektionen vorliegen. Bei der vaginalen Entbindung sollte jedoch die Amniotomie so spät wie möglich erfolgen, ein Dammschnitt, die Mikroblutuntersuchung und eine Kopfschwartenelektrode vermieden werden. Zu Beachten ist, dass unter einer problematischen Geburt, insbesondere wenn auf einen vaginal operativen Entbindungsmodus zurückgegriffen werden muss, das HIV-transmissionsrisiko drastisch (10%) ansteigt. Bei entsprechender Konstellation sollte daher, bevor auf eine vaginal-operativen Methode zurückgegriffen wird eine Sectio durchgeführt werden.


Dr. K. von Weizsäcker (Berlin) stellte die Ergebnisse der Gynäkologie an der Charite in Berlin vor. Aufbauend auf dem Vortrag von Dr. Gingelmaier referierte Dr. Weizsäcker die Schwierigkeiten in der klinischen Betreuung von HIV-infizierten Schwangeren und der zum Teil erheblichen Diskrepanz in erwünschtem Vorgehen und letztlich den Ereignissen vor Ort. Eine Schwangerschaft lässt sich nicht bis ins letzte Detail planen, der Schwangerschaftsverlauf nimmt oft andere Wege. Vorzeitige Wehentätigkeit, Amioninfektionssyndrom sind beispielsweise oftmals Komplikationen die alle Pläne über den Haufen werfen. Der Kliniker vor Ort muss daher oft rasch zu Alternativen greifen, mitunter auch unkonventionell Handeln. Zwar zeigt das zentralisierte Behandeln von HIV-Schwangerschaften deutliche Vorteile, weil gerade im ungeplanten Verlauf auf das entsprechende klinische Know-How zurückgegriffen werden kann, die Distanz zwischen Wohnort und HIV-spezialisierter Gynäkologie kann jedoch nach wie vor eine unüberbrückbare Hürde darstellen.


Dr. J. Neubert (Düsseldorf) berichtet über den ungewöhnlichen Fall einer monoamniotischen HIV-Zwillingsschwangerschaft, bei der ein Neugeborenes positiv, das Geschwisterkind dagegen negativ auf HIV getestet wurde. Mögliche Ursachen dieser ungewöhnlichen Konstellation wurden diskutiert.


Dr. N. Morali (Düsseldorf) stellte ein weiteres Fallbeispiel vor, bei dem nicht wie ursprünglich vermutet eine schlechte mütterliche Therapieadhärenz zum Versagen der ART führte, sondern eine genetische Mutation des Cytochrom P-450 vorlag, so dass letztlich eine erhöhte Metabolisierung und daraus folgend subtherapeutische Spiegel vorlagen. In der Diskussion mit einem Pharmakologen vor Ort wurde letztlich als gemeinsame Entscheidung die Medikation drastisch erhöht um zu einem ausreichendem Wirkspiegel und zuverlässiger Viruslast-Reduktion zu kommen. Der Vorsitzende Dr. Niehues (Krefeld) betonte in diesem Zusammenhang wie wertvoll die Zusammenarbeit der Kliniker mit einem erfahrenen Pharmakologen sein kann.


Dr. C. Peiser (Berlin) gab eine Übersicht zur Frage wie stellen sich AIDS definierende Erkrankungen in der klinischen Praxis dar und wann sollte man eine ART beginnen. Insbesondere bei klinisch manifesten HIV-assoziierten opportunistischen Infektionen wie eine TB im Organmainfestationsstadium muss mitunter mit einer ART gewartet werden, da die ART erwartungsgemäß wieder eine Immun-Rekostitution herbeiführt, die letztlich über eine massive infammatorische Reaktion (Immune Reconstitution Inflammatory Syndrome = IRIS) zu schweren Nebenwirkungen führen kann. Je nach Lokalisation des (der) erkrankten Organ(e) können schwere, mitunter lebensbedrohliche Nebenwirkungen auftreten die eine Modifikation und Erweiterung des Behandlungsregimes erforderlich machen.

Top


G. Gürtler und A. Schöning (Berlin) berichteten über die Projekte der HIV-Tagesklinik in Berlin. Insbesondere die Kinderreise die ein Mal jährlich stattfindet wird von den betroffenen Kindern gerne angenommen. Es können 12-19 Kinder teilnehmen, die von 5 Sozialarbeitern betreut werden. Die Kinder können während dieser Reise Kontakte knüpfen, sich gegenseitig austauschen und trotz des großen Altersunterschieds, (oder gerade deswegen?) verlaufen die Reisen sehr harmonisch und in einer freudig-ausgelassenen Atmosphäre. Auch die Wochenendbetreuung, die einmal monatlich angeboten wird findet regen Zuspruch bei den Kindern. Das Programm ist dabei sehr unterschiedlich ausgelegt. Neben einem gemeinsamen Frühstück bestehen die weiteren Aktivitäten in Schwimmen, gemeinsamer Besuch von Freizeitangeboten in Berlin, Tanz-Workshops oder gemeinsamen Liedertexten. Ein von den Jugendlichen getextetes und aufgenommenes Lied wird vorgetragen und die Teilnehmer der Veranstaltungen sind sichtlich Ergriffen über das Ergebnis. In der anschließenden Diskussion sind sich die Teilnehmer einig, wie wichtig solche Projekte doch sind, denn viele Jugendliche sind extrem bezüglich ihrer HIV-Infektion verunsichert, laufen Gefahr zu Einzelgänger zu werden oder sich zu verstecken. Die Veranstaltungen geben den Jugendlichen die Möglichkeit sich einer speziellen Gruppendynamik auszusetzen und ein für die psychische Entwicklung wichtiges Selbstwertgefühl aufzubauen.


Der Vorsitzende der PAAD, PD Dr. U. Baumann (Hannover) bat in der anschließend Mitgliederversammlung sich an den notwendigen Abstimmungen über dringliche Änderungen der Vereinsstatuten zu beteiligen. Diese können nur durch einstimmiges Votum der Mitglieder durchgeführt werden. Da nicht alle Mitglieder anwesend sind, können diese Änderungen nicht direkt vor Ort ratifiziert werden. Nicht anwesende Mitglieder werden daher per E-Mail angeschrieben um ein gültiges Abstimmungsergebnis herbeizuführen.

Neue Mitglieder in der PAAD werden begrüßt und herzlich Willkommen geheißen. Als der PAAD neu angegliederte Zentren konnten die Universität Freiburg, Köln und Bremen akquiriert werden. Der Vorsitzende hofft auf rege Beteiligung an den PAAD-Projekten.

Die Empfehlungen zur HIV-Therapie in der Schwangerschaft und bei HIV-exponierten Neugeborenen wurden September 2008 aktualisiert, eine Aktualisierung der Empfehlungen zur antiretroviralen Therapie bei HIV-infizierten Kindern steht dagegen dringlich aus, denn die aktuelle veröffentlichte Leitlinie (Publiziert 2006) basiert auf dem Erkenntnisstand vor 2005. Es wird beschlossen eine Aktualisierung der vorliegenden Empfehlung vorzunehmen und die Leitlinie entsprechend neu zu formulieren. Hierzu wird eine Arbeitsgruppe gegründet, wobei die einzelnen Mitglieder verschiedene Punkte der Leitlinie aktualisieren um den Arbeitsaufwand für jeden Einzelnen im Rahmen zu halten. Als Projektleitung wird Dr. C. Königs berufen. Weitere Mitglieder sind Dr. B. Buchholz und Dr. C. Feiterna-Sperling. Als Autor der aktualisierten Leitlinie soll vorrangig die PAAD genannt werden und den Wert der Arbeitsgemeinschaft deutlicher hervorzuheben. Prof. Dr. T. Niehues kümmert sich um ein entsprechendes Publikationsorgan, welches die neue Leitlinie möglichst zeitnah und in breitem Rahmen publizieren kann. Damit Mitglieder ihre Arbeit miteinander Abstimmen können soll ein geschützter Mitgliederbereich auf der PAAD-Website eingerichtet werden. Dort sollen die jeweils bearbeiteten Versionen der Leitlinie mit externem Schreibzugriff für die Mitglieder hinterlegt sein. Herr Schaub wird hierzu die notwenigen Schritte einleiten.

Herr Dr. Baumann berichtet über den Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) für die Vergütung der HIV-Behandlung in den Ambulanzen. Diese wurde zwar nach einer Neunovellierung der letzte Gesetzgebung etwas angehoben, liegt aber weiterhin in einem Bereich, bei dem die Behandler ihre Aufwände nicht annähernd kostendeckend vergütet bekommen. Als ein Pluspunkt ist die gesetzliche Festschreibung zu sehen, dass ein HIV-infiziertes Kind durch einen Pädiater betreut werden soll.

Ein weiterer Abstimmungspunkt ist die Mitgliedschaft der PAAD bei der Deutschen AIDS Gesellschaft (DAIG). Es werden zunächst die Bestimmungen und Bedingungen eine Mitgliedschaft diskutiert und wie eine Zusammenarbeit mit der DAIG aussehen könnte. Als weitaus größerer Dachverband besitzt die DAIG wesentlich mehr Einflussmöglichkeiten auf die Gesellschaft und die politische Willensbildung. Die Vereinsmitglieder stimmen einer Mitgliedschaft bei der DAIG als Dachverband unter dem Vorbehalt zu, dass die PAAD bezüglich der Projekte und Vereinsentscheidungen eine selbstständige Organisation bleibt. Der Vorstand lässt die Bedingungen einer Mitgliedschaft der PAAD unter dem Dachverband der DAIG daher nochmals genau prüfen.

Herr Dr. Baumann hat nochmals die Michael-Stich-Stiftung bezüglich einer finanziellen Unterstützung zur Mitfinanzierung eines psychosozialen Mitarbeiters im Rahmen der PAAD-Projekte kontaktiert. Leider hat die Michael-Stich-Stiftung bislang keine konkrete Reaktion auf die Anfragen des PAAD gezeigt, weshalb eine Intensivierung des Kontaktes derzeit wenig erfolgversprechend erscheint.

Die Sonderausgabe "HIV/AIDS bei Kindern" zum WeltAIDS-Tag 2008 der Zeitschrift HIV & More wird vorgestellt. Darin wird die PAAD mit ihrer Zielsetzung erläutert. Mitglieder der PAAD und weitere Autoren haben Artikel zur Situation HIV-infizierter Kinder in der BRD verfasst.

Als abschließender Punkt würdigt Herr Dr. Baumann die langjährige und Hochqualifizierte Mitarbeit von Frau Dr. I. Grosch-Wörner (Berlin) und Herr Prof. Dr. Wintergerst bei der PAAD. Sie haben HIV-infizierte Kinder und die Eltern dieser Kinder seit Beginn der Epidemie in Deutschland und begleitet, Höhen und Tiefen in der Behandlung miterlebt, sich auch politisch für infizierte Kinder stark gemacht und entscheidende Arbeit in der Erarbeitung kindgerechter HIV-Therapien geleistet. Diese Leistung verdient als Ehrenmitglieder der PAAD berufen zu werden. Die Mitglieder stimmen diesem Vorschlag einstimmig zu und bedanken sich durch kräftigen Applaus für die Verdienste dieser zwei HIV-Spezialisten.



Dr. U. Baumann (rechts) ernennt die PAAD-Mitglieger Dr. I. Grosch-Wörner und Prof. Dr. U. Wintergerst zu Ehrenmitgliedern der Arbeitsgemeinschaft.


Top

18.04.2009


Der zweite Tag der PAAD-Jahrestagung beginnt mit einem Vortrag von Herrn Dr. H. Hamouda (Berlin) vom Robert-Koch-Institut. Er gibt eine Übersicht über die HIV und Tuberkulose-Epidemie in der BRD und weltweit. HIV als relativ "neue" weltweite Epidemie hat der altbekannte "Geißel der Menschheit" Tuberkulose neuen Auftrieb gegeben. Schätzungsweise ein Drittel der weltweit 40 Millionen HIV-Infizierten sind gleichzeitig mit TB infiziert, Tendenz steigend. Eine TB-Koinfektion führt zu einer beschleunigten Mortalität bei den HIV-Erkrankten. Bedenklich, dass vor allem arzneimittelresistente TB-Stämme schnelle Ausbreitung finden. Die HIV-induzierte Immunschwäche führt in vielen Fällen zur Reaktivierung latenter TB-Komplexe und die Tuberkulose, durch das Immunsystem nicht mehr beherrschbar, breitet sich im Organismus ungehemmt aus. Aber auch primäre Infektionsherde aus dem Primärkomplex können bei insuffizienter T-Zell-Reaktion bereits initial einen aggressiven Verlauf nehmen. In der BRD ist nach wie vor ein Rückgang der TB-Fälle zu verzeichnen, weltweit ist die TB dagegen auf dem Vormarsch und insbesondere die Migration aus HIV-Endemiegebieten stellt eine potentielle Gefahr für gesundheitliche Situation auch in unserem Land dar.


Ergänzt wird die Übersicht über die TB-Epidemie durch den Vortrag von Herrn Dr. A. Roth (Berlin), der über die Möglichkeiten einer schnellen und dennoch zuverlässigen TB-Testung berichtet. Verschiedene Testmöglichkeiten aus den unterschiedlichen Kulturmedien werden ausführlich dargestellt, deren diagnostischen Wert gegenübergestellt und die klinische Aussagekraft kommentiert. Häufig müssen mehrere Methoden (PCR und Kulturnachweis) für eine klinische Aussage miteinander kombiniert werden. Der direkte Erregernachweis bleibt für Resistenzbestimmung wichtig.


Dr. H Flick (Graz) referiert im Anschluß die Möglichkeiten der Diagnostik einer HIV-TB-Koinfektion und zeigt mehrere Behandlungsstrategien bei Erwachsenen auf. Dabei ist nicht nur die Resistenzlage der Erreger wichtig, auch die Interaktion der Medikamente, insbesondere mit der ART muss berücksichtigt werden. Wie bei der ART ist auch bei der TB-Behandlung immer ein Kombinationsregime anzuwenden.


Dr. B. Kampmann (London) erläuterte die therapeutische Situation der HIV-TB Koinfektion bei Kindern, beginnend von der Diagnose bis hin zur Therapie. Schwierigkeiten in der Diagnose können insbesondere bei Kindern auftreten die schon perinatal mit TB infiziert wurden, oder bei denen die HIV-induzierte Immunsupression eine floride TB-Infektion verschleiert. Neue Nachweismethoden einer TB-Infektion sind gerade für Kleinkinder von großer Bedeutung, ebenso wie die Immunreaktion des Kindes auf die ART und Chemotherapie der TB noch genauer zu erforschen ist. Ergänzend berichtet Dr. Feiterna-Sperlin über ein Fallbeispiel bei einem Kind, bei dem die Behandlung einer HIV-TB-Koinfektion rezidivierende klinische Verschlechterungen im Sinne eines IRIS erbrachte. Die klinischen Verschlechterungen waren dabei zum Einen auf eine Rekonstruktion der Immunitätslage zurückzuführen und sprachen auf eine Steroid-Behandlung primär gut an, doch entwickelte der Patient im Verlauf eine restriktive Lungenveränderungen im Sinne eines Parenchymverlustes und fibrotischen Umbaus, deren genauere Ursache bislang nicht geklärt ist.

Top

Im nächsten großen Themenbereich widmen sich die Vorträge über die Möglichkeit von internationalen Kooperationen im Kampf gegen HIV und Tuberkulose.


Prof. Dr. H. Hahn informierte über das Koch-Metschnikow-Forum (KMF), einer Zusammenarbeit deutsch-russischer Wissenschaftsorgane um wissenschaftliche Erkentnisse, insbesondere Ergebnisse im Bereich der Infektionserkrankungen HIV und Tuberkulose möglichst rasch für die Bevölkerung nutzbringend umzusetzen. Prof. Hahn ist Vorsitzender des KMF, das Forum selbst ist aus einer Initiative des Petersburger Dialogs (PD) entstanden. Es arbeitet in Abstimmung mit den Gesundheitsministerien der Bundesrepublik Deutschland und der Russischen F๖deration im Rahmen der Modernisierungspartnerschaft Deutschland/Russland. Ziel der Aktivitäten des KMF ist es unter Anderem einen Beitrag zur Angleichung des Russischen Gesundheitswesens an das Niveau der EU zu leisten. Das KMF unterstützt vor allem Maßnahmen, die einen Kow-How-Transfer im medizinischen Bereich zwischen der BRD und der Russischen Förderation leisten, insbesondere Seminare, Symposien und Konferenzen, aber auch den direkten Austausch oder Hospitationen von medizinischem Personal in den jeweiligen Ländern. Dabei können die Aktivitäten breit ausgerichtet sein, von einfachen praktischen Workshops bis hin zu wissenschaftlich fundierten Studienprojekten oder Aktivitäten zum Aufbau von Kompetenzzentren. Die PAAD stellt im pädiatrischen Bereich ein Kompetenznetzwerk dar und ein informativer Austausch mit pädiatrischen HIV-Spezialisten in der Russischen Förderation könnte über dieses Forum gefördert werden.


Frau Prof. O. Shamsheva (Moskau) informierte die Veranstaltungsteilnehmer über den aktuelle Situation HIV-infizierter Menschen in Russland. Alleine die publizierten Daten belegen die Brisanz der Problematik. Russland hat zu Zeit die höchste Wachstumsrate an HIV-Infektionen in der nördlichen Halbkugel und ein Handlungsbedarf ist zwingend angezeigt. In den 90er Jahren als die Sowjetunion sich auflöste und staatliche Organisationsstrukturen auseinanderbrachen breitete sich HIV in den Ländern Osteuropas ungehemmt aus. Politische und gesellschaftliche Unruhen in dieser Zeit drängten das Problem HIV in den Hintergrund. Mittlerweile existieren zwar Aufklärungskampagnen und erste Bemühungen Drogenabhängigen Zugang zu sterilem Spritzbesteck zu ermöglichen, doch wird ein Großteil der Bevölkerung durch Aufklärungs- und Hilfsprogramme schlicht nicht erreicht. Russland, praktisch doppelt so groß wie die USA hat 143 Millionen Einwohner, es existieren über 140 Sprachen und Dialekte in Russland, die offizielle Landessprache ist Russisch. 400.000 Infektionen werden von den russischen Behörden als bekannt angegeben, Experten befürchten aber, dass der überwiegende Teil der Infektionen nicht bekannt bzw. gemeldet sind und die HIV-Infektionsrate auf einem Level von 3 Millionen liegt. Ein großer Teil der Bevölkerung, insbesondere die jugendliche Generation ist über die Problematik HIV und deren Infektionsweg nicht oder unzureichend informiert. Der intravenöse Drogenkonsum (IVDU) ist als kriminell eingestuft, der Besitz von Drogenbesteck verboten. Entsprechend schwierig ist es an steriles Drogenbesteck zu kommen und IVDU leihen sich ihr Drogenbesteck weiterhin sehr häufig gegenseitig aus. Über 80% der IVDU sind mittlerweile infiziert und haben vor allem in Strafvollzugsanstalten HIV explosionsartig Verbreitung gegeben. Viele junge Frauen betreiben Prostitution als Nebeneinkommen, sind aber durchaus noch in das normale Gesellschaftsleben eingebunden und haben ungeschützten Sexualverkehr mit Freunden, Freundinnen und Ehepartnern. Dies hat maßgeblich dazu beigetragen, dass HIV aus den Randgruppen in alle Bevölkerungsschichten einbrechen konnte. Die mittlerweile hohe HIV-Population bei den Frauen (40% der HIV-Infizierten sind Frauen) führt zwangsläufig dazu, dass auch die Rate HIV-infizierter Kinder in Russland drastisch ansteigen wird. Auch hier besteht ein enormer Handlungsbedarf in Aufklärung und dem Angebot HIV-positive Mütter einem speziellen Schwangerschaftsprotokoll mit ART und Postexpositionsprophylaxe zuzuführen.


Dr. B. Jordan-Harder (Berlin) stellte das Entwicklungshilfe-Programm ESTHER ("Ensemble pour une Solidarité Thérapeutique Hospitalière En Réseau") vor. ESTHER ist eine länderübergreifende Kooperation von Kliniken unter der Schirmherrschaft politischer Dachverbände um in Drittwelt-Ländern Aufklärung über HIV voranzutreiben und HIV-Infizierten einer kontinuierlichen ART zuzuführen. ESTHER unterstützt dabei in langfristig angelegten Projekten lokale Kliniken in den Ländern vor Ort mit klinischem Know-How und materiellen Mitteln. Schwerpunkt ist der Aufbau einer organisatorisch selbstständigen Einrichtung in der speziell geschultes medizinisches Personal HIV-Infizierte betreuen und einer regelmäßigen Medikation zuführen. Frau Jordan-Harder stellt auch die Vorgehensweise von Kliniken zur Anmeldung von Projekten bei ESTHER vor.


Frau Dr. H. Löffler (Freiburg) referierte über die tägliche Praxis als pediatric AIDS Corps Doctor in Swaziland. Swaziland, ein kleines Königreich (die Größe ist etwa mit Sachsen zu vergleichen) gilt als eines der ärmsten Länder der Welt. Der größte Teil der Bevölkerung lebt von weniger als einem Euro pro Tag. Eine staatlich organisierte Gesundheitsorganisation dürfte als nicht existent oder allenfalls rudimentär bezeichnet werden. Obwohl bereits früh in den 90er Jahren durch die Regierungsbehörden HIV-Bekämpfungsstrategien initiiert wurden, erlebte Swaziland ein HIV-Desaster. Swaziland hat die höchste HIV-Prävalenz der Welt. 2005 zeigte es (eine um Alte und Kinder bereinigte) Infektionsquote von über 60%, Tendenz steigend. Entsprechend zeigt sich die Infektionsrate bei den Kindern. Mittlerweile existieren durch Hilfsorganisationen errichtete Zentren zur Vermeidung einer HIV-Transmission von der Mutter auf das Kind, eine enorme Stigmatisierung der Menschen bei Bekannt werden einer HIV-Infektion verhindert jedoch die Bereitschaft diese aufzusuchen enorm. Auch hat sich das Sexualverhalten nicht verändert und weiterhin herrscht Polygamie. Eine Frau muss um gesellschaftliche Akzeptanz zu erwerben und zu halten viele Kinder gebären. Experten fürchten in den nächsten Jahren auf Grund der Auswirkungen der HIV-Epidemie in Swaziland ein Kollaps der sozialen Struktur. Die Sterbequote hat die Rate an Geburten drastisch überschritten, der größte Teil der Kinder in Swaziland werden von den Großeltern erzogen oder leben als AIDS-Waise bei fremden Familien.


Herr. Dr. J. Blume (Berlin) ergänzte den Bericht von Frau Dr. Löffler durch seine Erfahrungen als Arzt in einer HIV-Tagesklinik in Angola. Angola verzeichnete eine im Vergleich zu anderen Sub-Saharastaaten geringe HIV-Prävalenz, was durch jahrelange und wiederkehrende Bürgerkriege begründet ist. Angola lebte sozusagen in den 90er Jahren weitgehendst abgekoppelt von den umliegenden Saaten, es fand nur eine geringe wirtschaftliche Aktivität und damit auch länderübergreifende Sozialkontakte statt. Das Problem HIV ist bei der Bevölkerung als auch Regierungsbehörden noch niedrig angesiedelt, obwohl an den Landesgrenzen bereits ein drastischer Ansteig der HIV-Prävalenz zu verzeichnen ist. Mittlerweile hat Angola durch die Ausbeutung der reichhaltigen Bodenschätze einen enormen Anstieg des Bruttoinlandproduktes erfahren und internationale Hilfsorganisationen ziehen sich allmählich aus Angola zurück. Herr Blume referierte über seine persönlichen Erfahrungen in der HIV-Tagesklinik, bei der medizinische AIDS-Hilfe gleichfalls durch das Problem der Stigmatisierung überwiegend heimlich und versteckt, keinesfalls jedoch öffentlich erfolgen durfte. Die HIV-Problemverdrängung in der Öffentlichkeit als auch bei den lokalen Regierungsbehörden selbst und die Stigmatisierung der Erkrankten führen in vielen Fällen zu einer fehlenden oder unzureichenden Behandlung der Erkrankten. Nach einer von ihm vorgestellten Übersicht muss in einem hohen Prozentsatz mit einem Scheitern der Behandlung auf Grund der mangelnden Adhärenz von Betroffenen als auch unzureichenden Zusammenarbeit zwischen Hilfsorganisationen und örtlichen Gesundheitssystemen gerechnet werden. Der Bericht lässt eine lebhafte Diskussion über die Ansprüche der Helfenden und der Realität vor Ort aufkommen. Hilfe für Betroffene in ihrem gesellschaftlichen Konsens, ihrer religiösen und weltlichen Anschauungen kann nicht über den Zaun des persönlichen Anspruches des Hilfswilligen gebrochen werden, sondern muss sich letztlich der Situation vor Ort beugen.

Als abschließender Punkt werden durch die Mitglieder noch Möglichkeiten der Kooperatin innerhalb der PAAD-Zentren erörtert. Die Jahrestagung endete nach einer Zusammenfassung und dem Schlußwort von Dr. Feiterna-Sperling mit einem gemeinsamen Mittagessen.


Jürgen Schaub
Mannheim

Top